Buchreihe Master and Commander von Patrick O'Brian
Bücher vorgestellt

Patrick O’Brian – Master and Commander (Reihe)

Disclaimer – Der Autor dieser Zeilen ist seit Kindesbeinen großer Seefahrts-Enthusiast. Möglicherweise hat das diese Buchvorstellung (bzw. die Vorstellung dieser Reihe) an der ein oder anderen Stelle beienflusst.

Es gibt Bücher, die liest man – und es gibt Bücher, mit denen man in See sticht. Die Romanreihe um Jack Aubrey und Stephen Maturin von Patrick O’Brian gehört ganz eindeutig zur zweiten Kategorie. Ihr erster Band, Master and Commander, ist der Auftakt zu einer literarischen Reise, bei der Seefahrts-Enthusiasten spätestens nach wenigen Kapiteln ihren Lesesessel gegen das schwankende Achterdeck der „HMS Sophie“ tauschen.

Die Reihe spielt während der napoleonischen Kriege und folgt dem britischen Marineoffizier Jack Aubrey und dem irischen Schiffsarzt Stephen Maturin. Schon ihre erste Begegnung ist herrlich unglamourös: Die beiden geraten am Rande eines Konzerts aneinander – was eine ziemlich passende Ausgangslage ist für eine Freundschaft, die später Stürme, Kanonenduelle und allerlei politische Intrigen überstehen wird. Kurz darauf erhält Aubrey sein erstes eigenes Kommando über die kleine HMS Sophie, und damit beginnt das eigentliche Abenteuer.

Die Buchreihe beginn mit „Master and Commander“ und entspannt sich dann über mehrere Bände und Weltmeere. Die Bücher vereinen sowohl eine große Sachkenntnis als auch eine Erzähllust, die ohne übertriebenes Heroentum auskommt. Das merkt man schon in einer recht frühen Szene, in der Maturin von einem Offiziersanwärter einen Rundgang über die Sophie erhält und ihm das Schiff in allen Einzelheiten – einschließlich zahlloser maritimer Fachbegriffe – vorgestellt wird. Im Laufe des Gesprächs mit dem begeisterten Seemann wird Maturin merklich immer kürzer angebunden. Die irische Landratte teilt offenbar nicht ganz die Begeisterung für Seefahrt. Auch sonst steckt in den Dialogen ein großartiger Humor, befeuert vor allem durch die beiden grundverschienenen Charaktere Aubrey und Maturin. Der eine hemdsärmeliger Hitzkopf und scheinbar schon an Bord eines Schiffes geboren, der andere stiller Naturforscher und eher beobachtend und feingeistig. Oft gerät dabei die Freundschaft der beiden mit der strengen Hierachie an Bord in Konflikt.

„Roter Wimpel im Großtopp. Der Blaue Peter im Vortopp.“
„An die Brassen!“, rief Jack. „Neuer Kurs Südwest zu Süd, ein halb Süd“, wies er den Rudergänger an, denn dieses Antwortsignal war überholt, es hatte bis vor sechs Monaten gegolten.

aus: Master and Commander

Auch die sonstige Welt der Seefahrt erzählt O’Brian nicht mit trockenem Lehrbuchton. Man stolpert einfach mitten hinein. Plötzlich werden Segel gesetzt, Manöver gefahren, Kurse geändert, und während man noch versucht herauszufinden, wo genau der Fockmast endet und der Großmast beginnt (bei der Schiffsführung am Anfang wohl nicht aufpasst, hm?), ist man schon mittendrin in der Handlung. Das funktioniert erstaunlich gut – und es macht einen riesigen Spaß, selbst wenn man so abholut keine Ahnung hat, über was die „Seebären“ da gerade fachsimpeln.

Die Seeschlachten im Roman gehören neben den Dialogen zu den großen Highlights. Sie sind spannend, aber nie überdreht. Statt Heroisierung bekommt man etwas viel Interessanteres: die nüchterne, manchmal nervenaufreibende Realität eines Kapitäns, der Wind, Entfernung und Feuerkraft gegeneinander abwägen muss und vor allem die unterschiedlichen Charaktere an Bord zu einer eingeschworenen Besatzung machen. Wenn Aubrey sich entscheidet, ein stärkeres Schiff anzugreifen, dann geschieht das nicht mit einem dramatischen Trommelwirbel, sondern mit einer Mischung aus seemännischem Instinkt, Kalkül, durchaus etwas Geschäftssinn – und gelegentlich auch einer Prise Wahnsinn. Stichwort Geschäftssinn: ganz nebenbei erfährt man etwas von der Organisation der militärischen Seefahrt zu dieser Zeit. Prisenagenten („Prisen“ nennt man geenterte Schiffe, die daheim mitsamt Ladung verkauft werden. Nach festgelegten Regeln wird der Profit zwischen Kapitan, Mannschaft und dem Prisenagenten – einer Art Makler – aufgeteilt), Vorschüsse, Mauscheleien im Marinearsenal, wie entscheidend für die Kapitäne oft „Vitamin B“ war, irische Unabhängigkeitsbestrebungen, die weltumspannenden Konflikte der großen Kolonialmächte, und und und.

Master and Commander fühlt sich nicht wie ein abgeschlossenes Abenteuer an, sondern wie das Ablegen aus dem Hafen. Die folgenden Romane führen Aubrey und Maturin über praktisch alle Weltmeere: durch Blockaden vor französischen Häfen, durch Stürme im Südatlantik, durch diplomatische Missionen und geheime Operationen. Dabei wachsen die Figuren, ihre Karrieren schwanken, Freundschaften werden auf die Probe gestellt – und irgendwo im Hintergrund knarren immer die Masten im Wind.

Nicht umsonst schrieb die New York Times über die Romane von Patrick O’Brian: „Die besten historischen Romane, die je geschrieben wurden.“ und der Guardian: „Jane Austen auf See.“

Für mich gehört diese Reihe zu den schönsten literarischen Liebeserklärungen an die große Zeit der Segelschiffe. Wer auch nur ein bisschen Freude an Rahseglern, Seemannsgarn und gut erzählten historischen Abenteuern hat, sollte diesem ersten Band unbedingt eine Chance geben. Es besteht allerdings ein gewisses Risiko: Man könnte danach plötzlich das dringende Bedürfnis verspüren, Seekarten anzuschaffen, sich über Takelagen zu informieren – und den nächsten Band sofort aufzuschlagen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …