Anfang November wird in diesem Jahr die Rechte Buchmesse in Halle/Saale zum zweiten Mal stattfinden. Dabei ist „Seitenwechsel“ alles andere als eine normale Buchmesse, wie sie alljährlich in Frankfurt oder Leipzig in großem Stil mit teils internationaler Aufmerksamkeit stattfindet, und auch keine kleine regionale Messe. In Halle präsentieren sich auch in diesem Jahr vor allem deutsche Verlage, Autorinnen und Autoren, Influencer, und viele mehr, die sich offen rechts positionieren und die sich so bewusst von den großen Messen abgrenzen, auf denen sie immer auch mit zivilgesellschaftlichem Widerstand konfontiert waren.1 Die Messe in Halle ist ein Biotop, in dem die braune Suppe unter Ausschluss der Presse2 vor sich hin gären kann. In der ersten Ausgabe der Messe im verganenen Jahr war es nur eine Randnotiz, dass im Eingangsbereich der Messe zahlreiche Bücher des Westend-Verlags und seines Autors Ulf Poschardt3 gut sichtbar präsentiert wurden4 – der Verlag selber hatte im vergenen Jahr und auch in diesem Jahr keinen eigenen Stand dort, wollte sich das Geschäft mit der rechten Käuferschaft aber offensichtlich nicht entgehen lassen. Es präsentieren sich dort also nicht nur offen rechte Verlage und Autoren, sondern auch solche, die ihre Publikationen in dieser Szene gut positioniert wissen.
Die Messe ist Teil einer Entwicklung, die Sachsen-Anhalt zunehmend in den Fokus rechter und völkischer Gruppierungen rückt. Nach dem starken Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl wird der menschenfeindliche und autoritäre Kurs weiter vorangetrieben.
Die Buchmesse versteht sich zwar nach außen als Ort des Austauschs, doch ein Blick auf die beteiligten Verlage und Organisatoren zeichnet ein anderes Bild: Ein Großteil der Aussteller stammt aus dem Umfeld der sogenannten „Neuen Rechten“. Dazu gehört auch Mitinitiatorin Susanne Dagen, ihreszeichens Buchhändlerin, mit engen Verbindungen5 zum Verlag Antaios aus Schnellroda und somit zum „intellektuellen“ Star der „Neuen Rechen“, Götz Kubitschek.6
Seitenwechsel im Jahr 2026
Neben den üblichen Verdächtigen wie Ulrike Guérot, Vera Lengsfeld und Cora Stephan gesellen sich nun in der Liste der im Rahmen der Messe angekündigten Veranstalunten und Vorträge in diesem Jahr zwei weitere Name hinzu: Henryk M. Broder und Harald Martenstein, beide Kolumnisten aus dem Axel Springer Kosmos.7 Martenstein forderte öffentlich, die AfD als „normale Partei“ zu behandeln – das tat er öffentlichkeitswirksam bei Markus Lanz (und wird vermutlich bei nächster Gelegenheit schreiben, dass er ja nichts mehr sagen darf).8 Er sagte auch „Alle Parteien dieses Landes haben in den letzten Jahren ihre Wählerschaft an dem einen oder anderen Punkt enttäuscht. Nur eine Partei nicht – nur die AfD nicht. Sie hatte nämlich niemals die Chance dazu.“9 Martenstein füttert also das Opfernarrativ der Rechten weiter, wo er nur kann. Soll man nun der AfD Gelegenheit geben, ihre Menschenfeindlichkeit in die Tat umzusetzen, um zu schauen, ob sie ihre Wählerschaft evtl. doch enttäuscht, Herr Martenstein? Schreiberling Martenstein normalisiert allein durch seine Präsenz auf der Messe rechte Narrative, menschenfeindliche Ansichten, Rassismus und antidemokratische Einstellungen. Wenn rechte Literatur als ganz normale Literatur behandelt wird, werden ihre menschenfeindlichen und ausgrenzenden Inhalte verharmlost, rassistische und antidemokratische Ansichten erscheinen wie gewöhnliche Meinungen. Literatur kann Menschen zum Nachdenken anregen und Perspektiven eröffnen – sie sollte aber nicht dazu beitragen, Vorurteile und Hass gesellschaftsfähig zu machen.
Who is who der rechten Verlage: das Ausstellerverzeichnis
Zum Abschluss dieses Artikels nur noch der kurze Hinweis auf die Broschüre eines Recherche-Kollektivs, das eine übersicht der auf der Buchmesse vertretenen Verlage zusammengestellt hat. Die Broschüre gibt es HIER.
- vgl. u.a. https://www.deutschlandfunk.de/frankfurter-buchmesse-proteste-gegen-rechte-verlage-100.html ↩︎
- https://www.morgenpost.de/politik/article413512645/die-rechte-szene-baut-ihr-netzwerk-aus-und-trifft-sich-in-halle-zur-buchmesse.html ↩︎
- Poschardt war von 2016 bis 2024 Chefredakteur der „Welt“, von 2022 bis 2024 zudem Geschäftsführer und ist seit 2026 noch als freier Mitarbeiter im Axel Springer Konzern beschäftigt. ↩︎
- https://www.sueddeutsche.de/kultur/rechte-buchmesse-seitenwechsel-alexander-gauland-gloria-von-thurn-und-taxis-schlecht-organisiert-li.3329509?reduced=true ↩︎
- https://www.tagesschau.de/kultur/neue-rechte-literatur-forschungsprojekt-100.html ↩︎
- https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/institut-fuer-staatspolitik-warum-die-neurechte-afd-pilgerstaette-zur-firma-wird-19721135.html ↩︎
- website der Buchmesse „Seitenwechsel“ ↩︎
- https://web.de/magazine/politik/politische-talkshows/juli-zeh-politischen-stimmung-land-scheisse-42348846 ↩︎
- ebd. ↩︎