Kürzlich lief in der ARD die Verfilmung von Carsten Henns „Der Buchspazierer“. (aktuell noch in der Mediathek verfügbar1)Seitdem haben wir nach längerer Zeit wieder einige Anfragen erhalten, ob wir das bereits 2020 erschienene Buch vorrätig hätten. Haben wir nicht (mehr), lässt sich aber noch problemlos bestellen. Und da sind wir bereits beim Problem des Buches (und der Verfilmung): Beides vermittelt einen einen nicht nur romantisierten, sondern einen idealisierten und unrealistischen Blick auf die harte Realität des inhabergeführten Buchhandels. Werfen wir einen verspäteten Blick auf ein Buch, dass zu einer Zeit erschien, in der nicht nur der Buchhandel in den Krisenmodus wechseln musste…
zur Handlung
Der 70-jährige Carl Christian Kollhoff arbeitet als Buchhändler in der Buchhandlung Am Stadttor in einer kleinen Stadt. Er lebt für sich und zurückgezogen und vermeidet den Kontakt zu anderen Menschen. Abends nach Ladenschluss nimmt er jedoch besondere Lieferungen vor: Er bringt einigen seiner Kunden die bestellten Bücher nach Hause. Für Kollhoff sind diese Kunden fast Freunde, während der Buchhändler wiederum für sie ihre Verbindung zur Außenwelt ist.
Sie erinnern ihn an Romanfiguren, weshalb Kollhoff sich insgeheim Spitznamen für sie ausgedacht hat. Er nennt sie zum Beispiel Effi Briest, Mr. Darcy oder auch Frau Langstrumpf.
Eines Tages schließt sich die neunjährige Schascha dem, wie sie ihn nennt, „Buchspazierer“ auf seinem Rundgang an. Sie ist kürzlich mit ihrem Vater in die Stadt gezogen und liebt Bücher über alles. Der mürrische Buchhändler ist zunächst gar nicht begeistert von seiner neuen Begleitung, aber Schascha lässt sich nicht beirren. Schon bald schleicht sich das kleine Mädchen in sein Herz und in diejenigen seiner Kunden. Allmählich gelingt es ihr, den Buchspazierer aus seiner Isolation hervorzulocken, aber das Glück währt nicht lange.
Durch die Modernisierung der kleinen Buchhandlung verliert Carl Kollhoff seinen Job und damit auch seinen Sinn im Leben. Schascha kann und will das nicht hinnehmen. Sie bittet Carls Freunde um Hilfe, die für sie über ihren Schatten springen und sich der Welt stellen. Gemeinsam gelingt es ihnen, dem Buchspazierer wieder neuen Mut zu machen.2
Wer ist gut, wer böse?
Die Rollen sind in Buch und Verfilmung klar verteilt: Der Buchspazierer ist der gute Mensch, der einen persönlichen und empathischen Bezug zu seinen Kundinnen und Kunden pflegt. Auf der anderen Seite: Ladeninhaberin Sabine, die das Sortiment umkrempelt und die Buchhandlung modernisiert. Das funktioniert als Wohlfühl-Geschichte für sich ganz gut, hat mit der Realität aber nichts aber rein gar nichts zu tun. Auch die jüngeren werden sich erinnern, was im Jahr 2020, als das das Buch erschien, wirtschaftlich los war: Es gab Lockdowns. Insbesondere kleine Einzelhandelsunternehmen – wie auch Buchhandlungen – kämpften um ihr Überleben, da die Menschen eben nicht mehr in die Läden kamen, sondern Ware in diesen Zeiträumen nur geliefert werden durfte. Gleichzeitig wurde insbesondere vom Buchhandel erwartet, kostenlos zu liefern. Auch wenn die Intention einer Bestellung in einer kleinen inhabergeführten Buchhandlung eigentlich in der Unterstützung lag, war das kein wirtschaftlich leistbares Geschäftsmodell. Eine stationäre Buchhandlung ist darauf angewiesen, dass die Menschen vor Ort einkaufen. Ansonsten begibt man sich in Konkurrenz mit großen Online-Händlern mit eigener Logistik. Das ist für kein lokales Unternehmen zu leisten. Ladeninhaberin Sabine tut also das, was viele Buchhandlungen zwangsläufig tun müssen, um weiterhin existieren zu könnnen: sie passt sich den wirtschaftlichen Zwängen an, gestaltet den Laden ansprechend für neue Zielgruppen, denkt eher an die Zukunft als an die Vergangenheit.
Der Realitätscheck
Henns Kunden lassen sich von Carl beliefern und werden dadurch Teil seiner kleinen romantisierten Gemeinschaft. Aus Sicht eines wirtschaftlich existenzbedrohten Buchhändlers wäre die naheliegendere Lösung viel banaler: Kommt in den Laden. Kauft dort. Bestellt dort. Stattdessen scheinen bei Henn die Kunden die Buchhandlung zwar einerseits emotional zu brauchen, aber andererseits keine wirtschaftliche Verantwortung für sie übernehmen zu wollen. Der „Buchspazierer“ kompensiert diese fehlende Bereitschaft durch zusätzlichen persönlichen Einsatz. Er trägt also nicht nur die Kosten des Geschäfts, sondern nimmt den Kunden die Verantwortung dafür ab, ihre Verbundenheit in konkretes Handeln zu übersetzen. Realistisch betrachtet: Schwarzarbeit, überschreitung von Arbeitszeiten und fehlender Versicherungsschutz. Wenn dem Buchspazierer auf seiner romantischen Tour in der Realität etwas passierte, käme seine Arbeitgeberin „in Teufels Küche“. Warum hat der Mann nach Feierabend noch gearbeitet? Wurde dadurch der Mindestlohn unterschritten (die chronisch schlechte Bezahlung im Buchhandel blendet die Geschichte ebenfalls aus)?
Die Geschichte funktioniert deshalb nur als Märchen, das die Buchhändlerin zunächst als böse Gegenspielerin des Buchspazierers nutzt. Aus der Perspektive eines chronisch am Existenzminimum arbeitenden Buchhändlers ist es eher bitter. Und solche Buchhändler gibt es genug: allein zwischen 2018 und 2023 ist jede vierte Buchhandlung verschwunden.3 Im realen Einzelhandel und auch im Buchhandel ist Bequemlichkeit ein Kostenfaktor: Je mehr Leistung der Händler kostenlos zusätzlich erbringt, desto stärker sinkt seine ohnehin knappe Handelsspanne. Das ist insbesondere beim Verkauf von Büchern ein Problem: die Preisbindung macht es unmöglich, die Preise angemessen zu kalkulieren. Man muss mit dem arbeiten, was man hat (Marge) und dann schauen, ob es reicht. Eine kleine Buchhandlung wird deshalb nicht dadurch gerettet, dass ihre Kundinnen und Kundenen eine emotionale Bindung zu ihr haben, auch wenn sie das letzte Mal vor 8 Jahren dort waren und evtl. den zwischenzeitlichen Umzug (nun auch schon einige Jahre her) gar nicht mitbekommen haben. Eine Buchhandlung wird erhalten, indem man sie nutzt. Anders formuliert: Wer möchte, dass es den unabhängigen Buchhandel weiterhin gibt, muss nicht nur über seine Bedeutung sprechen, sondern vor Ort einkaufen. Ein Laden kann nicht von guten Wünschen leben. Die Rettung einer Buchhandlung beginnt deshalb nicht mit einem besonders schönen literarischen Bekenntnis – sondern leider mit einem tatsächlichen Kassiervorgang.
alternative Bücher über Bücher
Der Buchhandel mit seinem unmittelbaren Zugriff auf Millionen unterschiedliche Welten, einfach durch das Aufschlagen unterschiedlicher Bücher, lädt natürlich dazu ein romantisiert zu werden. Trotzdem gibt es tolle Geschichten, die auch von Büchern handeln, gut erzählt sind, ohne aber dabei unrealistische Vorstellungen der harten Realität zu vermitteln. Der Buchspazierer ist dabei weder realistisch genug, noch deutlich genug eine fantastische Erzählung. Eine kleine Übersicht von alternativen Büchern über Bücher:
| Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse | In der Allan Gardens Public Library kommt es zu allerlei merkwürdigen Vorkommnissen inmitten von Büchern und Lesern. Die Bibliothekarin Miriam erlebt eine zarte Liebesgeschichte. Doch welcher der Besucher schreibt ihr bloß diese rätselhaften Briefe? LINK |
| Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes | An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt – den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt ›Der Schatten des Windes‹, und er wird sein Leben verändern … LINK |
| Prof. Dr. Stephan Füssel – Das illustrierte Wörterbuch des Buches | Was hat es wohl mit einem Adligat und einem Brautbuch, mit der Gitterschrift, der Lesemaschine, der Papiermühle und dem Streicheisen auf sich? Sie wissen es nicht? In ‚Das illustrierte Wörterbuch des Buches‘ werden Sie es erfahren. Das handliche Nachschlagewerk liegt jetzt – nach 24 Jahren – in einer umfangreich aktualisierten Ausgabe vor. LINK |
| Fabrice Ténembot – Leslust bei Kindern entwickeln | Wie können Eltern bei Kindern die Freude am Lesen wecken und sie ans Lesen gewöhnen? Lesen ermöglicht es, solide Argumente zu konstruieren, an die eigene Geschichte und Identität anzuknüpfen, sich selbst zu entdecken oder wiederzuentdecken, Stereotypen und Klischees zu widerlegen, sich zu informieren, zu kommunizieren, dem Alltag zu entfliehen, zu lachen, sich zu empören, sich zu langweilen, sich zu befreien. LINK |
| Paddy Donnelly – Herr Dachs und seine erstaunliche Buchhandlung | Ein Bilderbuch über die endlose kindliche Fantasie und eine ungewöhnliche Freundschaft In Herrn Dachs‘ fabelhafter Buchhandlung gibt es Bücher für alle Tiere: Schmöker auf turmhohen Regalen für Giraffen, winzig kleine Büchlein für Mäuse und eine Tiefseeabteilung mit Lektüre für die Wasserbewohner. Aber als der kleine Fuchs Rory nach einer Geschichte fragt, in der es um Piraten-Tintenfische, Regenbogendrachen und Wunschbäume geht, muss Herr Dachs zum ersten Mal in seinem Leben sagen: So ein Buch gibt es nicht. Er schlägt dem betrübten Rory vor, das Buch selbst zu verfassen, doch Rory kann noch nicht schreiben. Und so tun sich die beiden zusammen und schaffen das fantasievollste Abenteuer, das sich Rory je erträumt hat. LINK |
- https://www.ardmediathek.de/video/der-buchspazierer/der-buchspazierer-oder-tragikomoedie/ard/Y3JpZDovL2FyZC5kZS9wbGFuQVJEXzI5NmQ0YWZlLTE0MDctNDc0MC1hYWNhLWFmYzVjOTkxYTU4NV9nYW56ZVNlbmR1bmc ↩︎
- Zusammenfassung des Inhalts https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Buchspazierer_(Roman) ↩︎
- https://www.boersenblatt.net/news/jede-vierte-buchhandlung-ist-verschwunden-393765 ↩︎
