Vorab: Wir möchten mit diesem Artikel niemanden entmutigen, den mühsamen Weg zu beschreiten, den eigenen Text zu veröffentlichen. Wir möchten nur unrealistischen Erwartungen vorbeugen, die durch Versprechen von Print-on-Demand-Anbietern und durch vereinzelte „erfolgreiche“ Self-Publisher via Social-Media geweckt werden. Sicherlich gibt es auch Beispiele von Self-Publishern, die so erfolgreich waren, dass ein Verlag sie dann „entdeckt“ hat. Das ist aber eine solche Seltenheit, dass man das nicht einplanen kann und sollte. Zu realistischen Erwartungen gehört auch zu wissen, dass nur ca. 5% der Autor*innen auch vom schreiben leben können.1 Alle anderen haben mindestens einen Job, der den Lebensunterhalt gesichert finanziert.
Warum Print-on-Demand-Titel selten im Buchhandel stehen
Fast täglich erreichen uns Anfragen von Self-Publishern, ihr Buch (manchmal auch gleich mehrere ihrer Bücher) in unser Sortiment vor Ort aufzunehmen. Unsere kurze Antwort lautet dann immer: Nein. Wenn Personen sich sichtlich Mühe geben uns eine personalisierte Anfrage zu schreiben, oder sich sogar die Mühe machen, persönlich vorbeizukommen, gibt es die lange, ausführliche Antwort, die für die meisten aber nicht weniger enttäuschend ist, als die kurze Antwort:
Wer ein Buch im stationären Handel sucht, erwartet ein sorgfältig kuratiertes Sortiment: Neuerscheinungen großer Verlage, Bestseller, literarische Entdeckungen. Doch Werke aus dem Print-on-Demand-Bereich findet man dort kaum. Das hat weniger mit Qualität zu tun als mit strukturellen und wirtschaftlichen Realitäten des Buchmarktes. Dabei muss man noch zwischen Print-on-Demand-Anbietern unterscheiden, die mit dem Buchhandel zusammenarbeiten, und solchen, die es nicht tun. Zu ersteren gehören BoD, Epubli, uvm. Deren Bücher sind vergleichsweise einfach zu bekommen, auch die Bezugskonditionen orientieren sich an denen klassischer Verlage (sind aber dennoch teils deutlich schlechter). Zu letzterer Kategorie gehört vor allem Amazon, das solche Titel als „Indipendently Published“ veröffentlicht. Dieses sind so „indipendent“, dass sie überhaupt nur über Amazon zu bekommen sind. Der große US-Konzern hat bekanntlich wenig Interesse an einem Erhalt des Buchhandels und verhält sich entsprechend nicht wie ein Verlag – gewährt also keine Einkaufsrabatte, wie es das deutsche Buchpreisbindungsgesetz eigentlich vorsieht. Diese Bücher werden deshalb einfach nur exklusiv auf dieser Plattform angeboten. Das sollten Menschen wissen, die ihre Bücher über den Weg „Amazon“ veröffentlichen. Sobald ein Buch als „Indipentently Published“ nur bei Amazon gelistet ist, hat der Buchhandel kein Interesse an diesem Buch. Wer den Weg Amazon wählt, entscheidet sich gegen den Buchhandel.
Wirtschaftlichkeit
Buchhandlungen verfügen über begrenzten Platz. Jeder Titel im Regal muss wirtschaftlich sinnvoll sein und sich regelmäßig verkaufen. Was wirtschaftlich ist, hängt überwiegend von den gewährten Einkaufsrabatten auf die preisgebundenen Bücher ab. Ist der Einkaufsrabatt zu niedrig, lohnt es sich nicht, ein Buch im Regal stehen zu haben. Das trifft auf praktische alle Print-on-Demand-Titel zu. Ein weiterer Faktor ist das Zahlungsziel: Idealerweise verkauft eine Buchhandlung die eingekauften Bücher, bevor die dazugehörige Rechnung bezahlt werden muss. Andernfalls geht die Buchhandlung in Vorleistung. Da die Zahlungsziele im Print-on-Demand-Bereich in der Regel sehr kurz sind, ist das ein weiteres Ausschlusskritierium für die betreffenden Titel.
Sichtbarkeit
Traditionelle Verlage investieren in Vertrieb, Marketing und persönliche Kontakte zum Buchhandel. In Verlagen arbeiten zahlreiche Personen, die sich schon vor Veröffentlichung mit Texten befassen. Lektorat und Korrektorat gewährleisten in den allermeisten Verlagen eine erwartbare Mindestqualität. Verlagsvertreter*innen stellen Programme vor, empfehlen Titel, die gut zu den jeweiligen Buchhandlungen passen – in der Regel arbeiten Verlagsvertreter*innen und Buchhandlungen schon lange zusammen und kennen einander so gut, dass beide Seiten einschätzen können, welche Bücher wahrscheinlich passen und welche nicht. All das schafft Vertrauen in Bücher, noch vor deren Erscheinen, so dass man aus Sicht des Buchhandels eher dazu bereit ist, diese für das eigene Sortiment einzukaufen. Im Print-on-Demand-Bereich sieht das anders aus: Ein Lektorat, oder Korrektorat sind eher die Ausnahme, gedruckt wird praktisch alles. Die Print-on-Demand-„Verlage“ bereiten dabei die Bücher für den Druck vor, listen Sie in den Datenbanken für den Buchhandel und sorgen für eine kurzfristige Verfügbarkeit. Was sie aber fast nie tun: Marketing für die Bücher. Die betreffenden Bücher sind deshalb zwar oft online gelistet in Webshops von Buchhandlungen, aber im aktiven Vertriebssystem kaum präsent, also auch nicht vor Ort in den Buchhandlungen. Aus diesen Gründen betrachten wir als Buchhandlung diese Print-on-Demand-Anbieter auch nicht als Verlage, sondern als bessere Druckereien. Ob das aber wirklich „bessere Druckereien“ sind, dazu später mehr.
Sortimentsbuchhandel
Buchhändler*innen agieren als Kuratoren – sie wählen gezielt aus, was sie ihrem Publikum anbieten. Je kleiner eine Buchhandlung, desto sorgfältiger die Überlegung, welches Buch den begrenzten Platz belegen darf. Ohne die oben bereits genannten externe Qualitätsinstanzen fällt es PoD-Titeln schwerer, diese Hürde zu nehmen. Hinzu kommt, dass der Buchhandel es sich nur selten leisten kann, ausschließlich nach Inhalten einzukaufen. Die Kalkulation erfolgt dabei häufig mit einem sehr „spitzen Bleistift“: Rabatte, Einkaufspreise, Zahlungsziele müssen stimmen, sonst macht das für den Buchhandel rein wirtschaftlich keinen Sinn. Dass Print-on-Demand-Bücher selten in Buchhandlungen stehen, ist also kein Urteil über ihren literarischen Wert. Vielmehr spiegeln sich darin die ökonomischen und logistischen Mechanismen eines gewachsenen Systems. Wenn ein Buch trotz eigentlich unwirtschaftlicher Bezugskonditionen in einer Buchhandlung landen soll, muss es einen herausragenden inhaltlichen Wert für die Buchhandlung darstellen. Für unsere Buchhandlung können wir das vergleichsweise einfach feststellen: Hat das Buch irgendeinen Bezug zu Osnabrück? Falls ja, nehmen wir uns die Zeit und schauen es uns zumindest mal an. Wenn das Buch dann noch in eine vor Ort vorhandene Warengruppe (z.B. Roman) passt, schauen wir es uns noch etwas genauer an. Als Einkäufer stellen wir uns die Frage: was kann dieses Buch, was kein anderes Buch kann, so dass wir es trotz schlechterer Bezugskonditionen (im Vergleich mit „normalen“ Verlagen) ans Lager nehmen wollen?
Sind BoD, Epubli & Co wirklich Verlage?
Es ist schade, dass dieser Artikel bis hierhin vermutlich alles andere als ermunternd für Self-Publisher war. Das ist auch ein Versäumnis der Print-on-Demand-Anbieter, die damit werben, ein Buch über den Buchhandel verfügbar zu machen. Sie machen es verfügbar, ja. Sie machen es aber für den Buchhandel nicht unbedingt attraktiv, oder sichtbar. Das macht das Buch dann zu einem unter ca. 60.000 Büchern, die jedes Jahr in Deutschland veröffentlich werden. Das können aber Menschen nicht wissen, die vorher noch keinen Kontakt mit der Buchbranche hatten und über keine Erfahrung hinsichtlich der Veröffentlichung von Büchern verfügen. Nicht selten leisten Autor*innen auch noch eine Anzahlung, für bestimmte Leistungen bei den dubiosesten Anbietern („Druckkostenzuschuss-Verlage“). Diese Geschäftsmodelle lohnen sich nur für die jeweiligen Anbieter – nicht für Autor*innen und nicht für den Buchhandel.
Trotzdem bleibt für Autor*innen Print-on-Demand ein wichtiges Instrument, das eigene Buch zu publizieren. Wenn man diesen Weg der Veröffentlichung gehen möchte, muss man sich nur im Klaren darüber sein, dass man die zahlreichen Aufgaben, die sonst üblicherweise ein Verlag übernimmt, selbst in die Hand nehmen muss. Möchte man langfristig auch das Buch flächendeckend in Buchhandlungen unterbringen, empfiehlt sich aber unbedingt der Weg über einen richtigen Verlag. Die meisten Verlage haben einen inhaltlichen Schwerpunkt, so dass sich über eine Recherche schnell die jeweils passenden Verlage herausfiltern lassen. Viele Verlage haben spezielle Kontaktadressen für die Einsendung von Manuskripten. Das muss man sich dann wie bei einer Bewerbung vorstellen: es sind viele Anfragen nötig, um eine Rückmeldung zu erhalten, mit Glück dann auch irgendwann eine positive (die Qualität des Manuskripts natürlich vorausgesetzt). Der Weg ins Regal einer Buchhandlung ist ein weiter, beschwerlicher. Umso schöner, wenn es doch irgendwann klappt. Die Chance, das eigene Buch in einer Buchhandlung im Regal zu entdecken, ist aber bedeutend höher, wenn es nicht als Print-on-Demand veröffentlicht wird.
Weiterführende Links
- https://www.ndr.de/kultur/buch/Kostenfalle-fuer-Autoren-Vorsicht-bei-der-ersten-Buchveroeffentlichung,druckkosten100.html
- https://alexstruever.com/spiegel-bestsellerliste-was-selfpublisher-wissen-muessen/
- https://www.mentorium.de/selfpublishing/
