Behind Buchhandel

Deutscher Buchhandlungspreis 2025

Am 10. Februar hat der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Kulturstaatsminister Wolram Weimer, die prämierten Buchhandlungen des seit 2015 jährlich verliehenen Deutschen Buchhandlungspreises bekanntgegeben.1 In diesem Jahr haben sich bundesweit 483 Buchhandlungen beworben unter denen eine Fachjury dann die 118 Gewinner-Buchhandlungen auswählt. Normalerweise sind es 118. In diesem Jahr sind es nur 115, Kulturstaatsminister Weimer verweigerte die Preisverleihung an die drei Buchhandlungen „The Golden Shop“ (Bremen), „Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel“ (Berlin) und „Rote Straße“ (Göttingen) und widerspricht damit der Auswahl der Fachjuriy. Dieser Vorgang ist beipiellos seit Bestehen des Preises, der durch die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) im Jahr 2015 in Zusammenarbeit mit der Kurt-Wolff-Stiftung erstmals verliehen wurde.

Da dieser Artikel länger wird, gibt es dieses Mal nicht erst am Ende einige Literaturtipps zum Thema (das hier ist schließlich immernoch ein Literaturblog). Diese Titel behandeln auch, aber nicht ausschließlich das Thema rechte Kulturpolitik. Parallelen zum Vorgang des Deutschen Buchhandlungspreises lassen sich aber problemlos ziehen:

Was ist der Deutsche Buchhandelspreis?

Der Deutscher Buchhandlungspreis ist eine Auszeichnung der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die seit 2015 jährlich an inhabergeführte, unabhängige Buchhandlungen in Deutschland vergeben wird. Die Auszeichnung würdigt Buchhandlungen, die sich besonders für Literaturvermittlung, kulturelles Engagement, ein vielfältiges Sortiment und innovative Veranstaltungsarbeit einsetzen. Er richtet sich vor allem an kleine und mittlere unabhängige Buchhandlungen und wird in mehreren Preiskategorien mit Preisgeldern (mehrere Tausend Euro) prämiert. Der Preis soll die Bedeutung des stationären Buchhandels für Kultur und Leseförderung stärken. Der Preis zeichnet vor allem Buchhandlungen aus, die über den reinen Verkauf hinaus aktive kulturelle Orte für Literatur und Lesen sind.

Begründung des Staatsministers

Aus dem Bekanntgabe des BKM: „BKM hat in diesem Jahr entschieden, dem Juryvotum in Einzelfällen nicht zu folgen. Die Entscheidung entspricht der politischen Linie der Bundesregierung, Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen.“2“ Weimer verteidigt den Ausschluss der drei Buchhandlungen von der Preisvergabe. „Wir können nicht Institutionen, egal ob Buchhandlungen, Verlage oder wen auch immer, mit staatlichen Geldern auszeichnen, die verfassungsfeindliche Elemente in sich haben. Das ist ein ganz klares Kriterium, da ist es auch egal, ob das ein Linksextremist oder ein Rechtsextremist oder ein Islamist ist“3

Weimer setzt diese Buchhandlungen also in den Kontext von Linksextremismus. Weimer verweist darauf, dass die betreffenden Buchhandlungen „verfassungsfreindliche Elemente in sich haben“. Einen Beweis dafür bleibt er schuldig.

Wir haben uns die Mühe gemacht, und die Verfassungsschutzberichte der vergangenen Jahre der betreffenden Bundesländer angeschaut, damit geneigte Lesende das nicht tun müssen. Keine der drei Buchhandlungen wird in den Berichten auch nur erwähnt. So verfassungsfeindlich kann es also nicht sein. Zudem ist vielfältiges gesellschaftliches Engagement eine Voraussetzung für die Vergabe des Preises. Eine Fachjury hat entschieden, dass das Engagement dieser Buchhandlungen es wert ist, prämiert zu werden. Zudem ist es auch rechtlich äußerst bedenklich, falls Informationen vom Verfassungsschutz an Weimer übermittelt wurden.4 Das BKM hat sich wohl des sogenannten Haber-Verfahrens bedient und die drei Buchhandlungen durch den Inlandsgeheimdienst überprüfen lassen5. Dieses Verfahren wurde bereits im Jahr 2020 vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags kritisiert und seine verfassungsrechtliche Zulässigkeit in Frage gestellt. Zudem wurde damals bereits vor dem Einschüchterungseffekt gewarnt und die Verhältnismäßigkeit bemängelt. 6

Reaktionen auf Weimers Entscheidung

Die Reaktionen darauf sind natürlich branchenintern, aber auch über die Buchhandels-Branche hinaus vergleichsweise deutlich:

  • „Wir erleben die gut sortierte Buchhandlung seit Jahren als verlässliche und engagierte Partnerin, die das literarische und kulturelle Leben der Stadt nachhaltig bereichert und für Vielfalt steht“ (Literarisches Zentrum Göttingen)7
  • „Umso wichtiger ist es, dass Entscheidungen über Preisträger transparent und primär an kulturellen Kriterien ausgerichtet sind, weil die Kriterien dieses Preises nicht davon betroffen sind“ (Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels).8
  • „Wenn eine fachkundige und unabhängige Jury auf der Grundlage kultureller Kriterien Buchhandlungen auszeichnet und dies nachträglich seitens der Bundesregierung gekippt wird, dann atmet das den Geist der politischen Willkür.“ (Sven Lehmann, Vorsitzender des Kulturausschusses im Bundestag)9
  • „Diese Entscheidung ist ein alarmierendes Zeichen des fortschreitenden Rechtsrucks der auch vor der Kulturpolitik nicht Halt macht. Sie zeigt, wie schnell künstlerische Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt unter einen absurden Generalverdacht gestellt und politisch instrumentalisiert werden. […] Wir fordern Kulturstaatsminister Weimer auf, diese Entscheidung unverzüglich zu revidieren und sich klar zur Unabhängigkeit kleiner Buchhandlungen und zur Stärke der Zivilgesellschaft zu bekennen.“ (Pressemitteilung des Unrast-Verlags, im Jahr 2025 bereits zum zweiten Mal mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet)
  • „Dass der Kulturstaatsminister sich in drei Fällen über die Entscheidung der von seiner Behörde eingesetzten Jury aus erwiesenen Branchenkennern hinwegsetzt, ist eine Einflussnahme, die Grundprinzipien des Preises konterkariert. Es könnte sogar als politische Einflussnahme wahrgenommen werden.“ (Vorstand der Kurt Wolff Stiftung. )10
  • Hätte uns jemand zugeraunt, Teile unserer Auswahl würden wegen unklar bleibender „verfassungsschutzrechtlicher Erkenntnisse“ ausgeschlossen, hätten wir erst den Kopf geschüttelt und dann hingeschmissen. (Jo Lendle, Verleger des Hanser-Verlags und in der Vergangenheit mehre Jahre Jury-Mitglied des Deutschen Buchhandlungspreises)11

Auch der PEN Berlin hat einen ganzen Fragenkatalog an Wolfram Weimer gestellt.12

Wer ist Wolfram Weimer?

Wolfram Weimer ist ein deutscher Verleger, Publizist, Unternehmer und Politiker (parteilos). Seit 2025 ist er Staatsminister beim Bundeskanzler und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Er war Chefredakteur der Zeitung Die Welt (Axel Springer Konzern), der Berliner Morgenpost, des Focus und des von ihm gegründeten konservativen Politik-Magazins Cicero. 2012 gründete er gemeinsam mit seiner Ehefrau die Weimer Media Group, in der Titel wie Business Punk, The European oder WirtschaftsKurier verlegt werden13. Er ist befreundet mit Bundeskanzler Merz, befürwortete dessen Kanzlerkandidatur und wurde als Parteiloser zum Kulturstaatsminister ernannt.14

Betrachtet man den Werdegang Weimers, sucht man kulturelles Engagement oder auch die entsprechende Expertise vergebens. Er ist in erster Linie Unternehmer mit Erfahrung in Medienunternehmen, die zumindest starke konservative inhaltliche Orientierung haben. Durch seine unternehmerische Tätigkeit besteht zudem der Verdacht eines Interessenkonfliktes, der noch immer nicht ausgeräumt ist.15

Konsequenzen?

Durch diesen Vorgang verhärtet sich insgesamt der Verdacht, dass Weimer sein Amt mit einer Willkür ausübt, die ein fatales politisches Signal ist. Dies kommt nicht unerwartet, wurde er doch schon vor seiner Ernennung zum Kulturstaatsminister als ungeeignet für dieses Amt bewertet.16

Sein Begriff von Kultur und sein Geschichtsverständnis weisen darauf hin, dass er der falsche Mann am falschen Platz wäre. Um es gelinde zu sagen.

Jürgen Kaube, Mitherausgeber der „FAZ“ im April 202517

Weimers Vorgängerinnen Monika Grütters (CDU) und Claudia Roth (Grüne) setzten sich stets für die Kultur ein, auch wenn sie individuell vielleicht eigene Schwerpunkte setzten. Was Weimer jetzt mit nur einer einzigen Handlung geschafft hat, erinnert an das Vorgehen der Trump-Regierung in den USA („Cancel Culture“ von rechts)18, die aktiv und unverholen gegen den Kulturbetrieb vorgeht, wo immer es politisch andersdenke gibt. Der Rechtsruck ist inzwischen unübersehbar. Wer nicht auf Regierungslinie handelt, wird abgestraft oder gar als extremistische Organisation eingestuft – nicht nur in diesem Fall ohne Beweise. Wenn Buchhandlungen jetzt schon unter Extremismusverdach gestellt werden und von dem Verfassungsschutz überprüft werden, wo geht es dann weiter? Die flächendeckende Streichung von Fördermitteln von Demokratieprojekten ist bereits geplant.19 Was kommt danach? Dieser Vorgang ist eine Bankrotterklärung der Bundesregierung und Ihrer Kulturpolitik und zeigt die Fehlbesetzung dieser wichtigen Position des Kulturstaatsministers, wie auch ein Sinnbild des anhalten politischen Rechtsrucks.


Wir stellen uns solidarisch hinter die drei betreffenden Buchhandlungen und fordern die Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises an die von der Fachjury ausgewählten Buchhandlungen und die Auszahlung der entsprechenden Preisgelder. Eine Aufklärung dieses Vorgangs durch den Kulturausschuss des Bundestags muss zwingend erfolgen, sowie in der Konsequenz der Rücktritt von Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister.

Geschäftsführung der Buchhandlung zur Heide

fünfmaliger Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises, sowie im Jahr 2021 prämiert für „Spitzenleistungen“ durch das Projekt Neustart Kultur des BKM

Literaturtipp: Hendrik Cremer – Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen. (Auch wenn es hier vor allem um die AfD geht, der Titel und insbesondere hinsichtlich der rechten Diskursverschiebung passt dies auch auf Weimers „Kulturpolitik“)


Der Verfassungsschutz

Nicht erst seit dem NSU-Skandal werden Rufe laut, den Inlandsgeheimdienst zu reformieren oder gar abzuschaffen.20 Im Jahr 2024 gab es 799 nicht vollstreckte Haftbefehle gegen Rechtsextremisten.21 Die Zahl rechtsextremer Straftaten steigt seit Jahren.22 Die offizielle Liste anerkannter Todesopfer rechter Gewalt ist lang, die Liste nicht anerkannter Todesopfer rechter Gewalt ist noch länger.23 Es gibt genügend Extremisten allein im Ausstellerverzeichnis der rechten Buchmesse Seitenwechsel (hier bewusst nicht verlinkt), die offen menschenfeindliche Inhalte verbreiten und sich so weit vom Grundgesetzt entfernt haben, wie man es nur kann. Und der Inlandsgeheimdienst hat nichts besseres zu tun, als Buchhandlungen zu überprüfen? Jede einzelne der nun überprüften Buchhandlungen leistet lokal hervorragende Arbeit und engagiert sich gesellschaftlich, bietet Räume – auch für Diskurse. Sie leisten damit – anders als Weimer – einen wichtigen kulturellen Beitrag. Jede Person, die diese Buchhandlungen kennt, weiß das. Eine unabhängige Jury hat das bestätigt. Das weiß nun also auch Herr Weimer. Es passt ihm nur nicht.


  1. https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/pressemitteilung-buchhandlungspreis-2026-02-10/ ↩︎
  2. https://www.boersenblatt.net/news/buchhandel-news/bkm-hat-juryvotum-drei-faellen-widersprochen-413843 ↩︎
  3. https://www.ndr.de/kultur/buch/extremismusverdacht-weimer-verteidigt-ausschluss-von-buchhandlungen,buchhandlungspreis-100.html ↩︎
  4. https://www.br.de/nachrichten/kultur/wolfram-weimer-streicht-buchhandlungen-von-preistraegerliste,VCt74VF ↩︎
  5. https://www.deutschlandfunk.de/kulturstaatsminister-weimer-liess-bewerber-fuer-buchhandlungspreis-laut-medienbericht-durch-verfassu-100.html ↩︎
  6. ebd. ↩︎
  7. https://www.ndr.de/kultur/buch/extremismusverdacht-weimer-verteidigt-ausschluss-von-buchhandlungen,buchhandlungspreis-100.html ↩︎
  8. ebd. ↩︎
  9. https://www.welt.de/politik/deutschland/article69a94e36cd44b1ca5e1b8ef0/deutscher-buchhandlungspreis-willkuerlich-und-autoritaer-gruenen-kulturpolitiker-attackiert-staatsminister-weimer.html ↩︎
  10. https://www.boersenblatt.net/home/wir-sind-hoechst-irritiert-und-beunruhigt-413937 ↩︎
  11. https://www.sueddeutsche.de/kultur/jo-lendle-wolram-weimer-haber-verfahren-buchhandlung-preis-li.3443036?reduced=true (Paywall) ↩︎
  12. https://penberlin.de/pm-pen-berlin-ein-paar-fragen-zur-deutschen-kulturpolitik/ ↩︎
  13. https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfram_Weimer ↩︎
  14. https://www.merkur.de/lokales/region-tegernsee/tegernseer-verleger-weimer-zieht-ins-kabinett-ein-93703603.html ↩︎
  15. https://www.deutschlandfunk.de/habe-alles-getan-kulturstaatsminister-weimer-weist-vorwuerfe-erneut-zurueck-100.html ↩︎
  16. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/weimer-kulturstaatsminister-medien-verleger-merz-kabinett-kritik-100.html ↩︎
  17. ebd. ↩︎
  18. https://www.deutschlandfunkkultur.de/kulturkampf-cancel-culture-anti-woke-usa-100.html ↩︎
  19. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/kommunale-demokratieprojekte-vor-dem-kollaps-159807/ ↩︎
  20. https://heimatkunde.boell.de/de/2021/04/14/der-verfassungsschutz-abschaffen-oder-reformieren ↩︎
  21. https://dserver.bundestag.de/btd/20/140/2014038.pdf ↩︎
  22. https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/rechtsextremismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html ↩︎
  23. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/todesopfer-rechter-gewalt/ ↩︎

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