Ein grauer, nasskalter Montagmorgen im emsländischen Lasseren (das reale Vorbild ist dabei Haren an der Ems) – eigentlich nichts Besonderes. Doch genau dieser Tag wird in „Und Federn überall“ von Nava Ebrahimi für mehrere Menschen zum Wendepunkt. Im Mittelpunkt steht der Geflügelschlachthof Möllring, der nicht nur größter Arbeitgeber der Region ist, sondern auch das Leben der Charaktere auf die eine oder andere Weise bestimmt.
Seien Sie froh, Frau Bose, das ist nun einmal der größe Arbeitgeber, um den kommen Sie mit Ihrem beruflichen Werdegang in dieser Gegend kaum herum.
Fallmanager im Jobcenter zu Sonia
Da ist Sonia, alleinerziehende Mutter, die unter harten Bedingungen am Fließband arbeitet und Hühner mit sogenannter „Wooden Breast“ aussortiert – Fleisch, das durch Übermast ungenießbar geworden ist. Sie hofft auf einen Bürojob, während gleichzeitig ihre Arbeit durch Automatisierung bedroht ist. Genau daran arbeitet Anna, eine junge Ingenieurin, die mit der Software „Golden Eye“ menschliche Kontrolle ersetzen soll. Parallel kämpft Produktmanager Peter Merkhausen mit massivem Erfolgsdruck – und mit der Hoffnung auf ein romantisches Date.
Auch Justyna, die früher bei Möllring gearbeitet hat und nun schwarz als Putzfrau jobbt, sucht nach einem Ausweg aus ihrer prekären Situation. Ihr Nachbar Nassim, ein sehbehinderter afghanischer Flüchtling, klammert sich an die Hoffnung, durch seine politischen Gedichte als Mensch wahrgenommen zu werden – und nicht nur als Aktennummer. Hilfe bekommt er von Roshi, einer deutsch-iranischen Schriftstellerin, die eigens anreist. Doch bei einem Medientermin im Schlachthof spitzt sich alles dramatisch zu.
Was nach sehr vielen Figuren klingt, liest sich erstaunlich flüssig. Ebrahimi springt zwischen Perspektiven, erzählt Szenen mehrfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln und fügt alles nach und nach zu einem großen Ganzen zusammen. Man ist den Figuren oft einen Schritt voraus und erkennt Verbindungen, die ihnen selbst noch gar nicht bewusst sind – das macht großen Lesespaß.
Besonders stark ist das Motiv der „Wooden Breast“: Nicht nur die Hühner sind verhärtet, auch die Menschen in ihren Arbeits- und Lebensverhältnissen. Mit Feingefühl und einem guten Gespür für Dramatik erzählt Ebrahimi von Erschöpfung, Anpassung und dem Wunsch nach Würde. Themen wie Massentierhaltung, prekäre Jobs, Rassismus, Klassismus oder Behindertenfeindlichkeit fließen ganz selbstverständlich mit ein, ohne den Roman zu überladen.
