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Bücher und KI

Titelbild: Drei aktuelle Bücher aus größeren Publikumsverlagen, deren Cover mit KI erstellt wurde.

„Künstliche Intelligenz“ – oder kurz KI, bzw. AI (für Artificial Intelligence) ist momentan in aller Munde. KI wird als Heilsbringer angepriesen, könne die Wirtschaft revolutionieren und/oder retten. Natürlich dürfen auch die erwartbaren Rufe nicht fehlen, Deutschland (wahlweise auch Europa) dürfe nicht den Anschluss im Bereich KI verlieren.i Solche Prognosen kommen wenig verwunderlich aus dem Bereich der IT-Wirtschaft und von Politiker*innen, die als wirtschaftsnah gelten.ii KI hat zweifellos das Potenzial die Welt zu verändern – ob zum Guten (für wen?) oder zum Schlechten wird sich zeigen. Dieser Text wird das Thema nur zu einem winzig kleinen Teil beleuchten können. Wer sich über dieses breite Themengebiet informieren möchte, der*dem sei zum Einstieg das Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ von Prof. Dr. Rainer Mühlhoff ans analoge Herz gelegt.

Blick auf den Buchmarkt

Die Buchbranche gilt gemeinhin als traditionell, Innovationen gibt es eher in geringeren Dosen. Da gilt Romantasy mit Farbschnitt schonmal als das neue große Ding, das nach und nach alle Verlage ausprobieren. Viele der in diesem Genre verarbeiteten „Tropes“ sind inhaltlich nicht neu, vor Jahrzehnten sagte man dazu noch „Groschenroman“. Heute haben sich findige Marketingmenschen den Begriff „Romantasy“ ausgedacht und die betreffenden Bücher mit einem beachtlichen Marketing aus der Schmuddelecke geholt. (Der Seitenhieb auf das Genre ist dann hiermit auch abgeschlossen). Vor einigen Jahren noch galt das E-Book als große Innovation und als Medium, das über kurz oder lang die gedruckten Bücher ablösen sollte. Es ist aus verschiedenen Gründen anders gekommen.iii Das E-Book hat zwar seinen berechtigten Platz gefunden, aber nicht das gedruckte Buch verdrängt. Ob analog oder digital: Bücher müssen noch immer größtenteils von Menschen geschrieben, illustriert, übersetzt und lektoriert werden – oder nicht?

Niedrigschwellige Angebote zum Ausprobieren von KI gibt es seit einiger Zeit frei zugänglich. Seien es nun LLMs (Large Language Models), die für das verarbeiten, analysieren und erstellen von Texten genutzt werden, oder auch generative KI für die Erzeugung von Bildern auf Basis von Texteingaben oder auch Veränderung von menschgemachten Bildern.

Buchgestaltung mit KI

Bereits seit längerer Zeit wird KI für die Erzeugung von Illustrationen für Bücher genutzt. Das betrifft nicht nur Bücher von „Selfpublishern“ via Amazon. Auch große Publikumsverlage und Autor*innen bedienen sich mittlerweile dieser Technologie. Die Folge wird über kurz oder lang sein, dass Illustrator*innen und Fotograf*innen, deren Werke bislang für die Buchgestaltung genutzt wurden, immer weniger Möglichkeiten haben werden, von ihrem Schaffen zu leben. Diese Berufe sind bereits prekär.iv Die Verlage sparen sich zunehmend diese Kosten, oder verlagern sie hin zu den von Tech-Konzernen kontrollierten Technologien, die selbstredend auch nicht kostenlos sind, aber scheinbar doch günstiger im Vergleich zu Menschen und deren Entlohnung.

KI-Texte vs. Autor*innen

Bereits vor ein paar Jahren titelte der Focus: „ChatGPT als Autor – Amazon kämpft gegen KI-generierte Bücher in der Bestsellerliste“.v Der größte Online-Buchverkäufer (hier bewusst nicht als Buchhändler bezeichnet) kämpft also damit, dass KI-geschriebene Texte reale Autor*innen von den Bestsellerlisten verdrängen. Seither hat sich die Technologie noch weiterentwickelt. LLMs verfügen nicht nur über einen deutlich größeren Wortschatz als so mancher Präsident, sondern formulieren sogar besser als viele menschliche Autor*innen. Es ist inzwischen schwierig geworden, zu beurteilen, ob ein Text aus realer oder künstlicher Feder stammt. Zahlreiche Lehrkräfte werden das bestätigen können. Der Buchmarkt wird überschwemmt mit Texten fragwürdiger Qualität und ohnehin meist unterbezahlte Autor*innen verlieren gegenüber vermeintlich günstigeren KI. Menschliche Kreativität wird ersetzt und geht durch die Gesetze des freien Marktes langfristig verloren. Warum also noch selbst schreiben, wenn man genauso gut schreiben lassen kann?

KI-Übersetzungen

Längst wird KI in großem Stil genutzt, um Übersetzungen anzufertigen. Das betrifft nicht nur vermeintlich einfache Texte, sondern zieht sich durch alle Genres. Jüngst hat ein großer Verlagskonzern angekündigt, flächendeckend auf KI-Übersetzungen zurückzugreifen und in diesem Zuge Verträge mit spezialierten Übersetzer*innen gekündigt.vi Auch hier geht langfristig Übersetzungs-Know-How verloren. Gerade in literarischen Texten finden sich häufig Metaphern, Anspielungen, Ironie oder auch Sprichworte, die sich nicht ohne Weiteres übersetzen lassen. Auch die „Melodie“ von Texten spielt eine große Rolle. Das ist etwas, das KI in Ermangelung von Empathie nicht leisten kann. Möchte man also zukünftig ganz auf hochwertige Übersetzungen verzichten? HarperCollins hat dazu bereits in Frankreich eine Entscheidung getroffen, andere Verlage werden sich sicherlich hinzu gesellen. Im Fall des hierzulande nicht ganz unbekannten Oetinger-Verlags brauchte es erst den berüchtigten „Shitstorm“, bis die Nutzung von KI ausgeschlossen wurde (Neuauflage des Titels „Skogland“ von Kirsten Boie).vii Es kann aber davon ausgegangen werden, dass zukünftig beauftragte Gestaltungsagenturen durchaus auf KI zurückgreifen werden und auf diese Weise doch KI auf Buchcover gelangt – wie will man das auch flächendeckend überprüfen? Kommt es dann doch heraus, kann man dann als Verlag bequem die Verantwortung auf den jeweiligen Dienstleister schieben. Selbst Illustrator*innen zu beschäftigen ist ja offensichtlich keine Option mehr.

Wirtschaftliche und soziale Folgen

Bis hierhin sollte klar geworden sein, dass der Glaube, mit KI ökonomischer arbeiten zu können, deutlich zu kurzssichtig ist. Die großen Tech-Konzerne, die die Entwicklung von KI vorantreiben, betreiben auch großen finanziellen Aufwand – so ein Rechenzentrum ist im Bau und Unterhalt nicht ganz günstig und natürlich arbeiten diese Unternehmen profitorientiert und neigen höchst selten zur Selbstausbeutung, wie das bei Menschen in Kreativberufen häufig der Fall ist. Die Wertschöpfung verlagert sich hin zu diesen Konzernen, weg von Einzelpersonen, die neben Steuern und Krankenversicherung auch ihren Beitrag zur Rentenversicherung leisten. Nicht berücksichtigt sind andere Faktoren wie die ökologischen Auswirkungen (Wasserverbrauch), oder der subventionierte (Industriestrom) Energiehunger für die nötigen Rechenzentren, die von der Allgemeinheit getragen werden.

Mit der Verfügbarkeit KI-gestützter Tools sinken Preise für kreative Dienstleistungen zunächst drastisch, so lange bis der Markt monopolisiert ist. Wie weit generell Kostenreduktionen an die Käufer*innen von Büchern weitergegeben werden, kann man aktuell anhand der Preise in der Gastronomie beobachten, für die kürzliche eine Reduktion der Mehrwertsteuer beschlossen wurde… Das führt zwar nicht zwingend zu vollständigem Ersetzen von Kreativberufen, aber zu einer Erosion professioneller Standards. Es entsteht eine Abhängigkeit: Kreative sind zunehmend auch auf die Infrastruktur der Tech-Konzerne angewiesen, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein. Neben der Konzentration geht so langfristig kreative Vielfalt verloren. Weitet man nun den Blick auf den Einsatz von KI in öffentlichen Verwaltungen, so kommt zwangsläufig die Frage auf, warum man sich in so vielen Bereichen von Konzernen abhängig machen sollte, die stark profitgetrieben arbeiten und für die Menschenrechte allenfalls Ärgernisse darstellen (siehe Grok).viii

Freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen zum Einsatz von KI sind längst nicht mehr ausreichend, für die teils gravierenden gesellschaftlichen Folgen, die er mit sich zieht. Die Themen Datenschutz und Urheberrecht im Kontext von Training und Betrieb von KI seien abschließend zumindest noch erwähnt (sie allein füllen ganze Bücher) und sollten die Dringlichkeit einer staatlichen Regulierung von KI verdeutlichen.


Quellen:

i https://www.wko.at/oe/news/medienservice-ki-auf-vormarsch-eu-darf-anschluss-nicht-verlieren

und https://www.it-business.de/verliert-europa-den-ki-anschluss-a-d4f34f269e750c9904e7ef498d0739c6

ii https://www.handelsblatt.com/technik/ki/wirtschaftsministerin-reiche-richtet-beraterkreis-fuer-ki-und-wettbewerb-ein/100154156.html

und https://lobbypedia.de/wiki/Katherina_Reiche

iii https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/weder-ein-allheilmittel-noch-ein-grunduebel

iv https://www.rnd.de/familie/warum-kinderbuchillustrator-trotz-schlechter-bezahlung-ein-traumjob-ist-YBYRNXYUKJDTBGFXD53TFDSZVM.html

und https://www.boersenblatt.net/news/literaturszene/nur-1-cent-mehr-pro-normseite-209525

v https://www.stern.de/digital/amazon-bestsellerbuecher-werden-mit-kuenstlicher-intelligenz-erstellt-33621948.html

vi https://www.autorenwelt.de/blog/branchen-news/frankreichs-uebersetzerinnen-protestieren-gegen-verwendung-von-ki-bei-harlequin

vii https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/illustration-oetinger-schliesst-nutzung-generativer-ki-tools-aus-350863

viii Ob OpenAI langfristig „gemeinnützig“ bleibt, oder aktuell noch so bezeichnet werden kann, darf ebenfalls bezweifelt werden: https://www.nzz.ch/wirtschaft/das-grosse-geld-lockt-sam-altman-will-mit-open-ai-unbedingt-an-die-boerse-und-kommt-diesem-traum-immer-naeher-ld.1902180

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